Gemälde während der Firnisabnahme
© SKD, Foto: Wolfgang Kreische

Restaurierung von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

Nach der erfolgreichen Restaurierung von Vermeers Frühwerk „Bei der Kupplerin“ (2002 bis 2004) durch Prof. Marlies Giebe rückte das zweite, weltweit bekannte und verehrte Gemälde Vermeers in Dresden, das „Brieflesende Mädchen am offenen Fenster“, in den Fokus der Kunsthistoriker und Restauratoren. Kunsthistorische, konservatorische und technische Untersuchungen zum Gemälde reichen in Dresden zurück bis in die 1970er Jahre, als das Werk hier erstmals Gegenstand einer ausführlichen kunsthistorischen Analyse war. 

Beginn der Restaurierung von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

In den letzten zehn Jahren wurden weitere Untersuchungen durchgeführt, die sich vor allem auf den komplexen Entstehungsprozess des Gemäldes, die Konstruktion des Raumes im Bild und dessen Stellung innerhalb des Gesamtwerks konzentrierten. Wichtige neue Erkenntnisse fanden ihren Niederschlag in der Ausstellung „Der frühe Vermeer“ im Jahr 2010, die in ihrer Dresdener Station dem „Brieflesenden Mädchen“ ein besonderes Kapitel widmete.

Der Erhaltungszustand des um 1657-1659 entstandenen Gemäldes ist in Anbetracht seines Alters gut und konservatorisch stabil. Die Oberfläche ist jedoch durch stark nachgedunkelte Firnisschichten, alte Retuschen und Übermalungen beeinträchtigt. Die verminderte Lesbarkeit der originalen Malerei Vermeers war ein wichtiger Grund dafür, das Gemälde zu restaurieren.

Frau steht am Fenster eines Schlafzimmers und liest einen Brief
© SKD, Foto: Klut / Estel
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659

Restaurierung

Die Restaurierung erfolgt derzeit in der Abteilung Gemälderestaurierung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden durch den Restaurator Dr. Christoph Schölzel. Sie geht einher mit einem Untersuchungs- und Forschungsprojekt zum Gemälde, das in Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Labor für Archäometrie, dem Doerner-Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München, dem Rijksmuseum Amsterdam und der National Gallery London durchgeführt wird. 

Vermeers Farben

Restaurierung von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

Firnisabnahme von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

Restaurierung 2

Zu Beginn der Restaurierung fand im März 2017 ein Symposium mit Fachkollegen aus Amsterdam, Kopenhagen, Wien und Dresden statt, die ihrerseits in den letzten Jahren Werke des Künstlers untersucht und restauriert haben. Sie folgten der Einladung der Dresdener Gemäldegalerie und werden das Restaurierungsprojekt auch weiterhin fachlich begleiten.

Das Forschungs- und Restaurierungsprojekt wird in dieser Form möglich gemacht dank der großzügigen Unterstützung durch die Hata-Stiftung in Tokyo.

Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ wird nach abgeschlossener Restaurierung anlässlich der Wiedereröffnung der dann komplett sanierten Gemäldegalerie im Semperbau ab 2019 unseren Besuchern präsentiert werden und kann schon jetzt als ein Höhepunkt der neuen Dauerausstellung angekündigt werden.

Erwerbung und Wiederentdeckung des Gemäldes in Dresden

Die Erwerbung des „Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster“ für die Sammlung des sächsischen Kurfürsten und Königs von Polen August III. im Frühjahr 1742 beruhte auf einem glücklichen Zufall. Nachdem der sächsische Gesandtschaftssekretär Samuel de Brais den Ankauf von 30 Gemälden aus der Pariser Privatsammlung des Prinzen von Carignan vollzogen hatte, erhielt er das „Brieflesende Mädchen“ als Zugabe „außerhalb des Handels“, wie er in einem Brief erwähnte. Damals galt das Gemälde als „Rembrandt“, ein Beweis dafür, dass man sich der außergewöhnlichen Qualität des Werkes durchaus bewusst war. Der Maler Johannes Vermeer war dagegen zu jener Zeit außerhalb der Grenzen Hollands völlig in Vergessenheit geraten.

Brustbild Augusts III. mit Perücke und im Harnisch, Pastell
© SKD, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut
Anton Raphael Mengs, Friedrich August II., Kurfürst von Sachsen, als König von Polen August III., 1745

Erwerbung und Wiederentdeckung des Gemäldes in Dresden 2

In Dresden ist das Gemälde erstmals im Gemäldeinventar von Pietro Guarienti (1747/50) genannt und wird dort wiederum als ein Werk in der „Manier Rembrandts“ geführt. Der erste gedruckte Dresdener Galeriekatalog von 1765 verzeichnet es als ein Werk der Rembrandt-Schule, eine Zuschreibung, die 1783 durch die an den Rembrandt-Schüler Govaert Flinck präzisiert wurde. Seit 1826 galt das „Brieflesende Mädchen“ in Dresden dann als ein Gemälde von der Hand des ebenso wie Vermeer in Delft tätigen Pieter de Hooch.

Frau steht am Fenster eines Schlafzimmers und liest einen Brief
© SKD, Foto: Klut / Estel
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Detail

Erwerbung und Wiederentdeckung des Gemäldes in Dresden 2 a

Doch dann besuchte der französische Kunsthistoriker Etienne Joseph Théophile Thoré (1807–1869) alias William Bürger 1859 auch die Dresdener Galerie. Er war auf einer spektakulären Rundreise durch europäische Gemäldesammlungen, die der Untersuchung von Bildern galt, die dem rätselhaften, von ihm als „Sphinx von Delft“ bezeichneten Künstler zugeschrieben werden könnten. In der Gemäldegalerie fand er seine Vermutung bestätigt, in der „Briefleserin“ ein weiteres eigenhändiges und darüber hinaus signiertes Werk des „Delfter Vermeer“ gefunden zu haben. Nachdem schon vor Thoré-Bürger andere Kunstgelehrte die seinerzeit ganz unpopuläre Idee der Zuschreibung des Dresdener Bildes an Johannes Vermeer erwogen hatten, setzte sich die Erkenntnis endlich in den 1860er Jahren durch. Sie fand schließlich Eingang in den Dresdener Galeriekatalog Julius Hübners von 1862, wo das Gemälde nun richtig und dauerhaft unter „Meer (Jan van der). Né à Delfft vers 1632“ aufgeführt wurde.

Eintrag zu Johannes Vermeer im Galeriekatalog von Julius Hübners 1862

Eintrag zu Johannes Vermeer im Dresdener Galeriekatalog von Julius Hübners 1862
© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Bettina Forger
Eintrag zu Johannes Vermeer im Dresdener Galeriekatalog von Julius Hübner 1862

Erwerbung und Wiederentdeckung des Gemäldes in Dresden 3

Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurden mehrere Restaurierungsmaßnahmen an der „Briefleserin“ durchgeführt, die in den Restaurierungsakten der Dresdener Gemäldegalerie dokumentiert sind. Es handelte sich dabei um die Doublierung des Bildes auf eine neue Leinwand, um Reinigungen der Oberfläche, die Entfernung alter und das Aufbringen neuer Retuschen sowie weiterer Firnis-Schichten auf die Malschicht. Im frühesten Dresdener Restaurierungsvermerk von 1838 heißt es zudem, die „Briefleserin“ sei „gewiß schon früher unter den Händen eines Restaurators gewesen“.

Gal.-Nr. 1336_Vermeer_unter Restauratorenlampen

Gemäldeausschnitt unter dem Licht von Restauratorenlampen
© SKD, Foto: SKD

Erwerbung und Wiederentdeckung des Gemäldes in Dresden 4

Während des zweiten Weltkrieges wurde die „Briefleserin“ sicherheitshalber in ein Bergedepot auf der Festung Königstein in der Sächsischen Schweiz verbracht. Nachdem das Gemälde wie beinahe alle Werke der Dresdener Gemäldegalerie 1945 als Kriegsbeute in die UdSSR transportiert worden war, wurde es nach knapp zehnjährigem Verbleib gemeinsam mit der Sammlung 1955 an die Regierung der DDR zurückgegeben. Seit Juni 1956 ist Vermeers „Briefleserin“ wieder in der Dresdener Gemäldegalerie im Semperbau ausgestellt.

Große Holzkisten geladen werden auf einen LKW geladen
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Gertrud Rudloff-Hille
Abtransport der Kisten mit Dresdener Gemälden vor dem Puschkin Museum in Moskau im Oktober 1955

Impressionen

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