Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657–1659
© SKD, Foto: Wolfgang Kreische

Ein „neuer“ Vermeer in Dresden

Seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren nimmt Johannes Vermeers berühmtes Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ einen festen Platz unter den Hauptwerken in der Dresdener Gemäldegalerie ein. Das um 1657/59 datierte Bild gilt als eines der frühesten Interieurgemälde Vermeers mit einer Einzelfigur. Frühere Röntgenuntersuchungen gaben Hinweise auf die Übermalung eines Bildes mit der Darstellung eines nackten Cupido. Jetzt belegen neue Laboruntersuchungen zweifelsfrei, dass die Übermalung nicht von Vermeers Hand stammt. Auf dieser Grundlage hat die Gemäldegalerie Alte Meister im Zuge der aktuellen Restaurierung des Bildes entschieden, die Übermalungsschicht zu entfernen. Das Gemälde wird damit wieder so zu sehen sein, wie es das Atelier des Künstlers verließ.

Zur Medieninformation vom 7.5.2019

„Bild im Bild“

Einstmals an der Rückwand des Raumes dargestellt, war das als „Bild im Bild“ angeordnete Gemälde eines Cupidos übermalt worden. Durch die aktuellen Untersuchungen und die Restaurierung des Gemäldes ist nun erwiesen, dass diese Übermalung nicht auf Vermeer zurückgeht, sondern einige Zeit nach Vollendung des „Brieflesenden Mädchens“ von fremder Hand ausgeführt wurde. Zeitpunkt und Autor dieser späteren Übermalung sind gegenwärtig noch nicht bekannt.

Obwohl das Cupido-Bild auf der Rückwand des Raumes zum jetzigen Zeitpunkt erst etwa zur Hälfte freigelegt ist, lässt sich bereits die grundlegende Veränderung in der Gesamtwirkung des Gemäldes ermessen. Offenbar handelt es sich auch bei der Dresdener „Briefleserin“ um eine der in Vermeers Schaffen zahlreichen Innenraumszenen mit „Bild im Bild“ an der hinteren Wand. Der Künstler zitierte hier wohl ein Gemälde mit der Darstellung eines stehenden Amors, der mit seiner Rechten einen aufgestellten Bogen hält und den linken Arm gehoben hat. Dieses Motiv ist aus drei weiteren Interieurgemälden Vermeers bereits bekannt.

© SKD, Foto: Wolfgang Kreische
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657–1659 Aktueller Zwischenzustand der Restaurierung zum 7. Mai 2019, Öl auf Leinwand, Gemäldegalerie Alte Meister

Impressionen PK

Wiederherstellung seines originalen Zustandes

Nach der Wiederherstellung seines originalen Zustandes wird Vermeers „Brieflesendes Mädchen“ offener und lauter wirken als bisher. Die in Ocker- und Brauntönen gemalte, sehr plastisch wiedergegebene Cupido-Figur direkt oberhalb der zarten Mädchengestalt wird etwa dieselbe Größe haben wie der hinter dem Tisch sichtbare Teil ihres Körpers. Die innerhalb der Komposition dann recht präsente Amorfigur wird als bedeutungsschwerer „Kommentar“ zur Klärung der Bildaussage wesentlich beitragen. So ist die Darstellung des Liebesgottes wohl als Verweis auf den amourösen Kontext der scheinbar unverfänglichen Alltagszene zu lesen. Die Figur der introvertierten Leserin erfährt durch das auffällige Hintergrundbild ein Gegengewicht im Raum, das den Inhalt der Szene für den Zuschauer öffnet. Es liegt bei ihm, wie er den Brief in des Mädchens Hand deuten wird.

Frau steht am Fenster eines Schlafzimmers und liest einen Brief
© SKD, Foto: Klut / Estel
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Öl auf Leinwand vor der Restaurierung

Stufen der Restaurierung

Das zu erwartende Resultat

Das zu erwartende Resultat der derzeitigen Restaurierung des „Brieflesenden Mädchens“ wird in jedem Fall zeigen, dass die Elemente der Verhüllung und des Verbergens in diesem Frühwerk Vermeers eine weniger dominierende Rolle spielen, als die Veränderung der Komposition von fremder Hand zweieinhalb Jahrhunderte lang vermuten ließ.

Videos

Pressekonferenz am 7.5.2019

Präsentation der Öffentlichkeit

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Ein "neuer" Vermeer in Dresden: Stimmen von der Pressekonferenz
Hintergrundfilm

Freilegung des Cupido

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Ein „neuer“ Vermeer: Johannes Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ wird restauriert

Die Restaurierung – ein Zwischenbericht

Für die im Mai 2017 begonnene Restaurierung des Gemäldes „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ von Johannes Vermeer konnte auf zahlreiche bereits vorliegende Untersuchungsergebnisse zurückgegriffen werden: 1965 hatte Hermann Kühn mehrere aus dem Bild entnommene Farbproben analysiert. Das Gemälde war 1979 geröntgt und 2009 einer Infrarotreflektografie-Untersuchung unterzogen worden. 2007 fand eine Leinwandstrukturanalyse des Bildträgers statt. In Vorbereitung der Ausstellung „Der frühe Vermeer“ 2010 wurde das Bild hinsichtlich der Maltechnik und des Erhaltungszustandes gründlich mit dem Mikroskop untersucht. Seit 2017 ist ein umfangreiches Forschungsprogramm fester Bestandteil des Projektes.

Vermeers Farben

Restaurierung von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

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Restaurierung von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

Firnisabnahme von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

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Firnisabnahme von Johannes Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“

Entfernung des Firnisüberzuges

Der erste Arbeitsschritt der Restaurierung bestand in der Entfernung des mehrschichtigen, durch Alterung gelb-braun gewordenen Firnisüberzuges. Er stammte aus dem 19. Jahrhundert und erfuhr in der Folgezeit mehrere Überarbeitungen. Die Firnisabnahme kam einer Neuentdeckung der subtilen, kühlen Farbigkeit Vermeers gleich. Es zeigte sich zudem, dass das Bild –  abgesehen von den Bildrändern – in einem für sein Alter von 360 Jahren hervorragenden Erhaltungszustand ist.

Während der Firnisabnahme wurde deutlich, dass sich die Löslichkeitseigenschaften der Farbe im Mittelteil des Hintergrundes von denen der anderen Bereiche im Bild unterscheiden. Man wusste seit der Röntgenaufnahme von 1979, dass sich an der Wand im Hintergrund des Zimmers ein „Bild im Bild“ mit einem nackten Cupido befindet, das durch eine Übermalung vollständig abgedeckt worden war. Diese Übermalung schrieb man lange Zeit Vermeer selbst zu.

Impressionen

Bindemittelschichten

Vor der Fortführung der Arbeiten in diesem Bildbereich sind im Labor für Archäometrie der Hochschule für Bildende Künste Dresden Untersuchungen zum Schichtenaufbau der Malerei durchgeführt worden. Sie zeigen, dass zwischen den originalen Farbschichten Vermeers und der Übermalungsfarbe gealterte Bindemittelschichten und eine Schmutzschicht liegen. Es muss zwischen der Fertigstellung der Malerei mit dem Cupido-Bild und dem Auftragen der Übermalungsfarbe ein längerer Zeitraum von mehreren Jahrzehnten gelegen haben, so dass Vermeer die Übermalung des Hintergrundbildes demnach nicht selbst ausgeführt haben kann. Als das Gemälde 1742 aus der französischen Sammlung des Prinzen von Carignan nach Dresden kam, war diese gravierende Veränderung jedoch offenbar inzwischen vorgenommen worden. 

Im Ergebnis zahlreicher Tests erwies sich die sehr diffizile Abnahme der Übermalungsfarbe mit dem Skalpell unter dem Mikroskop als die günstigste Methode. Nur so ist es möglich, die Bindemittelschichten, die zwischen der originalen Malschicht und der Übermalungsfarbe liegen, in Teilen zu erhalten. Bei dieser Schicht handelt es sich vielleicht um die letzte noch existierende originale Firnisschicht Vermeers.

Die spätere Übermalung des Cupidos erfolgte sicherlich aus Gründen eines veränderten Geschmacks und nicht wegen der Beschädigungen in der Malschicht, wie den nun wieder freigelegten kleinen Abriebstellen und dem Kratzer oberhalb des rechten Armes des Knaben.

Erwerbung & Entstehung

Hintergründe

Erwerbung und Wiederentdeckung des Gemäldes

Die Erwerbung des „Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster“ für die Sammlung des sächsischen Kurfürsten und Königs von Polen August III. im Frühjahr 1742 beruhte auf einem glücklichen Zufall.

Brustbild Augusts III. mit Perücke und im Harnisch, Pastell
© SKD, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut
Hintergründe

Entstehungsprozess des Gemäldes

Das ausgewogen komponierte, malerisch brillante Gemälde steht am Beginn einer Reihe stiller Interieurdarstellungen mit wenigen, auf eine intime häusliche Beschäftigung konzentrierten Figuren.

Gemäldeausschnitt unter dem Licht von Restauratorenlampen
© SKD, Foto: SKD

Restaurierung

Die Restaurierung erfolgt derzeit in der Abteilung Gemälderestaurierung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden durch den Restaurator Dr. Christoph Schölzel. Sie geht einher mit einem Untersuchungs- und Forschungsprojekt zum Gemälde, das in Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Labor für Archäometrie, dem Doerner-Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München, dem Rijksmuseum Amsterdam und der National Gallery London durchgeführt wird. 

Restaurierung 2

Zu Beginn der Restaurierung fand im März 2017 ein Symposium mit Fachkollegen aus Amsterdam, Kopenhagen, Wien und Dresden statt, die ihrerseits in den letzten Jahren Werke des Künstlers untersucht und restauriert haben. Sie folgten der Einladung der Dresdener Gemäldegalerie und werden das Restaurierungsprojekt auch weiterhin fachlich begleiten.

Das Forschungs- und Restaurierungsprojekt wird in dieser Form möglich gemacht dank der großzügigen Unterstützung durch die Hata-Stiftung in Tokyo.

Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ wird nach abgeschlossener Restaurierung voraussichtlich ab Mitte 2020 unseren Besuchern wieder präsentiert werden und kann schon jetzt als ein Höhepunkt der neuen Dauerausstellung der Gemäldegalerie im Semperbau angekündigt werden.

Mit freundlicher Unterstützung von

Hata

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